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Die Wärmewende gelingt nur gemeinsam mit dem Handwerk

SBZ: Herr Dr. Wiedeler, am 2. Januar 2024 hat Carrier Global den Geschäftsbereich ­Viessmann Climate Solutions übernommen, was in der Branche für großes Aufsehen sorgte. Wie lange wird es den Markennamen Viessmann noch geben?

Dr. Conrad Wiedeler: Ich gehe davon aus, dass der Name noch sehr lange Bestand haben wird. ­Viessmann ist eine außergewöhnlich starke Marke in Deutschland, in Europa und darüber hinaus. Das war einer der Gründe, warum Carrier so überzeugt von ­Viessmann war.

SBZ: Uns ist aufgefallen, dass in E-Mails und teilweise auch in der Korrespondenz inzwischen der Name Carrier auftaucht. Hat das eine besondere Bedeutung?

Wiedeler: Auch bei den E-Mail-Adressen hat das gelegentlich für Erklärungsbedarf gesorgt. Gleichzeitig müssen wir uns mit Carrier natürlich nicht verstecken. Carrier ist ebenfalls ein starker Name. Rechtlich ist die Situation jedoch eindeutig: Ich bin Geschäftsführer der Viessmann Deutschland GmbH, und auf offiziellen Dokumenten steht weiterhin Viessmann Deutschland GmbH.

SBZ: Was hat sich durch die Übernahme für das SHK-Handwerk konkret verändert?

Wiedeler: Viessmann ist weiterhin voll präsent. Neu hinzugekommen sind beispielsweise Klimaanlagen aus dem Hause Carrier. Außerdem verfügen wir heute über ein deutlich breiteres Portfolio im Bereich großer Wärmepumpenleistungen im höheren Kilowattbereich. Der Markt entwickelt sich genau in diese Richtung, und diese Erweiterung hätten wir allein nur schwer realisieren können. Ansonsten gilt weiterhin: Wo Viessmann draufsteht, ist auch Viessmann drin.

Wir kommen in ­eine Ära, in der die ­Wärmepumpe nicht mehr die ­Alternative, sondern der ­Standardfall wird.

Dr. Conrad Wiedeler, Geschäftsführer der Viessmann Deutschland GmbH und Carrier Global Executive

SBZ: Die aktuellen geopolitischen Spannungen befeuern das Autarkiebewusstsein der Endkunden. Ist jetzt die Zeit gekommen, dass das Systemdenken der Industrie – also Photovoltaik, HEMS, Wärmepumpe und Wallbox – tatsächlich auf fruchtbaren Boden fällt?

Wiedeler: Unsere Entwickler, Softwareexperten und Produktteams bei Viessmann arbeiten seit weit über zehn Jahren an integrierten Energielösungen. Der Wendepunkt kam 2022 mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Damals wurde vielen Menschen erstmals bewusst, dass Energieversorgung auch ein Sicherheitsthema ist. Später folgten weitere Ereignisse, die gezeigt haben, dass auch alternative Gasversorgungswege nicht uneingeschränkt sicher sind. Dadurch ist das Thema Autarkie stärker in den Fokus gerückt. Gleichzeitig haben sich Hersteller und Fachhandwerk in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt und wir stehen heute an einem völlig anderen Punkt als noch vor fünf Jahren.

SBZ: Was bedeutet das für das SHK-Handwerk – Risiko oder Chance?

Wiedeler: Eine enorme Chance! Allerdings müssen Hersteller und Fachhandwerk diese Chance gemeinsam nutzen. Wir sprechen heute von einer neuen Ära im Wärmepumpenbereich. Wir liegen inzwischen bei rund 50 % Marktanteil, wodurch die Wärmepumpe die Schwelle vom Nischen- zum Standardprodukt überschritten hat.

Gleichzeitig stehen in Deutschland rund zehn Millionen Wärmeerzeuger mit einem Alter von mehr als 20 Jahren zur Modernisierung an. Wenn die Installation einer Wärmepumpe jedoch zwei- oder dreimal so lange dauert wie früher die eines Gaswandgeräts, wird die Rechnung nicht auf­gehen.

Deshalb müssen Hersteller und Fachhandwerk gemeinsam daran arbeiten, Wärmepumpen einfacher, schneller und gleichzeitig in hoher Qualität zu installieren. Gelingt das, ergeben sich enorme Marktchancen. Die eigentliche Frage lautet dann nicht mehr, ob genügend Nachfrage vorhanden ist, sondern ob genügend Fachkräfte und Kapazitäten verfügbar sind.

SBZ: Das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz ersetzt bzw. verändert grundlegende Abschnitte des bisherigen Gebäudeenergiegesetzes. Wie bewerten Sie diese Entwicklung? Werden Sie die Produktlinien für Gas- und Ölbrennwertgeräte jetzt wieder hochfahren?

Wiedeler: Zunächst einmal begrüßen wir jede Form von Klarheit und Verlässlichkeit, denn nichts ist schwieriger als ständige politische Richtungswechsel. Als Vollsortimentsanbieter haben wir weiterhin alle Technologien im Angebot, die der Markt benötigt. Wenn man sich jedoch anschaut, wonach Kunden heute suchen, erkennt man eine klare Entwicklung. Bei Suchanfragen liegt die Wärmepumpe deutlich vor dem Gaswandgerät. Das bedeutet aber nicht, dass Gasgeräte verschwinden werden, denn sie bleiben für bestimmte Anwendungen sinnvoll. Allerdings wird die Wärmepumpe ihren Marktanteil weiter ausbauen, während Gasheizungen langfristig an Bedeutung verlieren werden.

Die überwiegende Mehrheit der Kunden möchte eine Lösung aus einer Hand und bevorzugt einen regional verankerten Handwerksbetrieb.

SBZ: Die von Viessmann initiierte Allianz „Energiewende in Europa für Europa“ hat vorgeschlagen, dass die europäische Industrie stärker von einer Reform der Heizungsförderung profitieren sollte. Was ist aus diesem Ansatz geworden?

Wiedeler: Auch wenn die konkrete Ausgestaltung zukünftiger Fördermodelle derzeit noch offen ist, ist es uns weiterhin wichtig, dass europäische Wertschöpfung berücksichtigt wird. Arbeitsplätze, Know-how und industrielle Kompetenz sollen in Europa erhalten bleiben. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass Produkte mit europäischer Wertschöpfung nicht genauso behandelt werden wie reine Massenimporte aus anderen Regionen der Welt. Europa muss auch als Wirtschaftsraum wettbewerbsfähig bleiben. Das ist für uns nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern auch eine Frage regionaler Verantwortung – unser Standort in Allendorf hängt unmittelbar davon ab, dass industrielle Wertschöpfung in Europa erhalten bleibt.

SBZ: Viessmann beziehungsweise Carrier hat eine neue Wärmepumpengeneration entwickelt, die sich von bisherigen Produkten Ihres Hauses unterscheidet. Worin sehen Sie die Alleinstellungsmerkmale gegenüber anderen Marktteilnehmern?

Wiedeler: Blicken wir auf unser bisheriges Portfolio: Bei den Gaswandgeräten zählen die ­Vitodens 200-W, ­Vitodens 300-W und ­Vitocrossal zu den bekanntesten Produkten. Für die unterschiedlichen Anforderungen im Markt sind verschiedene Leistungsklassen und Ausführungen notwendig. Im Wärmepumpenbereich sind wir mit der ­Vitocal 250-A, einem mehrfach ausgezeichneten Modell, sehr erfolgreich. Ergänzt wird das Portfolio durch die ­Vitocal 150-A und weitere Geräte.

Mit der neuen Produktgeneration knüpfen wir an eine bewährte Viessmann-Logik an: Die heutige ­Vitocal 250-A entwickelt sich perspektivisch zur 300er-Serie weiter. Die neue Wärme­pumpe besetzt das 200er-Segment – als vielseitige Lösung für einen breiten Markt, mit attraktivem Preis-Leistungs-Verhältnis und den typischen Viessmann-Stärken bei Design, Effizienz, Systemintegration und Installationsfreundlichkeit.

SBZ: Wo werden die Komponenten gefertigt?

Wiedeler: Die Inneneinheiten produzieren wir in Allendorf. Dort fertigen wir auch einen großen Teil der Leistungselektronik selbst. Viele wissen gar nicht, wie umfangreich unsere Elektronikfertigung inzwischen ist. Die Außeneinheiten entstehen in unserem Werk im polnischen Legnica. Dort haben wir in den vergangenen Jahren erheblich investiert. Die Fertigungstiefe wird weiter erhöht. Bei der neuen Generation produzieren wir beispielsweise auch die Ventilatoren selbst, die früher zugekauft wurden. Insgesamt gehen wir wieder stärker in die eigene Wertschöpfung hinein – ähnlich wie wir es aus der klassischen Heiztechnik kennen.

Die Frage ist nicht, ob genügend Bedarf an Wärmepumpen besteht, sondern ob genügend Fachkräfte und Kapazitäten verfügbar sind.

SBZ: Wie viel Carrier-Know-how steckt in dem System und welche Auswirkungen auf Installation und Wartung ergeben sich hierdurch für das SHK-Handwerk?

Wiedeler: Man muss die Frage eigentlich umdrehen, denn Carrier war vor allem von der Systemkompetenz von Viessmann begeistert. Bei integrierten Energiesystemen sind wir Vorreiter und in diesem System steckt viel Viessmann-Know-how. Unsere Erfahrungen fließen inzwischen sogar in die globale Produktentwicklung von Carrier ein. Auch in anderen Märkten stellt man sich die Frage, wie der Weg vom Einzelprodukt zum Gesamtsystem gelingt. Natürlich profitieren wir gleichzeitig von den Stärken von Carrier, beispielsweise bei Klimageräten und Luft-Luft-Wärmepumpen. Diese Technologien integrieren wir in unsere Systemwelt.

Für das SHK-Handwerk war die Installations- und Wartungsfreundlichkeit ein zentraler Entwicklungsaspekt. Die Nachfrage nach Wärmepumpen wächst, gleichzeitig fehlen Fachkräfte. Deshalb müssen Installation, Inbetriebnahme und Service einfacher und effizienter werden. Ein wichtiger Baustein ist dabei der Leitwarten-Service. Wir möchten mit diesem zentralen Fernüberwachungs- und Wartungsservice für Wärmepumpen proaktiv Probleme erkennen, bevor der Kunde einen Ausfall erlebt. Wir bieten unterschiedliche Modelle an: Manche Fachbetriebe möchten den Service vollständig selbst übernehmen. Andere möchten Unterstützung bei Überwachung und Diagnose. Wieder andere wünschen sich eine stärkere Entlastung. Wir wollen für alle diese Bedürfnisse passende Lösungen bereitstellen.

SBZ: Hinsichtlich des Fachkräftemangels steht das SHK-Handwerk enorm unter Druck. Hat dieser Aspekt bei der Entwicklung der neuen Wärmepumpengeneration eine Rolle gespielt?

Wiedeler: Absolut. Die Zahl der zu modernisierenden Heizungen ist groß, während die Zahl der verfügbaren Fachkräfte eher sinkt. Gleichzeitig sehe ich Chancen, denn durch den Einsatz von KI könnten Tätigkeiten im Büro stärker automatisiert werden, was wiederum dazu führen könnte, dass sich wieder mehr Menschen für handwerkliche Berufe interessieren. In Gesprächen hören wir bereits von steigenden Bewerberzahlen. Die Kombination aus Digitalisierung, KI und Energiewende bietet enorme Chancen für Handwerksbetriebe.

Das SHK-Handwerk ist für uns ganz klar Systempartner.

SBZ: Im Frühjahr 2024 übernahm Viessmann mit der Waldhauser GmbH & Co. Wärmetechnik KG in Grünwald bei München einen klassischen SHK-Handwerksbetrieb und wandelte ihn in einen Wärmepumpendienstleister um. Was ist daraus geworden und gab es noch weitere Übernahmen?

Wiedeler: Nein, es gab keine weiteren Übernahmen. Die ursprüngliche Idee war, zusätzliche Servicetechniker zu gewinnen. In manchen Regionen war es sehr schwierig, ausreichend Fachkräfte für den Service zu finden. Da der Betrieb ohnehin eine Nachfolgelösung suchte, erschien dies als möglicher Weg. Die Übernahme war nie mit dem Ziel verbunden, selbst verstärkt Wärmepumpen zu installieren. Es ging ausschließlich darum, Servicekapazitäten aufzubauen, die letztlich auch unseren Fachpartnern zugutekommen sollten. Wir setzen heute stärker auf Ausbildung und Qualifizierung.

SBZ: Viessmann kooperiert außerdem mit Energieversorgern, um integrierte Energielösungen aus Wärmepumpe, Photovoltaik, Batteriespeicher und intelligenten Stromtarifen anzubieten. Wo sehen Sie dabei die Rolle des SHK-Handwerks?

Wiedeler: Das SHK-Handwerk ist für uns ganz klar Systempartner bzw. Systemprofi. Mit der Wärmepumpe als neuem Standardprodukt gewinnt die Elektrifizierung von Gebäuden an Bedeutung. Dadurch treten Energieversorger stärker in den Markt ein. Sie verfügen über Kundenkontakte und Energiedienstleistungen, haben aber in der Regel keine eigenen handwerklichen Kapazitäten.

Deshalb arbeiten Energieversorger, Fachhandwerk und Hersteller eng zusammen: Hersteller liefern Technik und Plattformen, das Handwerk die Installation und Systemkompetenz. Das Handwerk bleibt dabei unverzichtbar, auch wenn sich viele Betriebe vergrößern werden und mehr Gewerke integrieren oder kooperieren. Entscheidend ist, ganzheitliche Lösungen anzubieten und verschiedene Gewerke stärker zu vernetzen. Kunden wünschen sich einen zentralen Ansprechpartner und gleichzeitig die Nähe und Betreuung durch regionale Betriebe. Dadurch bleibt das Fachhandwerk ein Schlüsselfaktor für die Energiewende.

SBZ: Wenn sich die Wärmepumpe als Standardprodukt etabliert – ist dann langfristig auch mit sinkenden Gerätepreisen zu rechnen?

Wiedeler: Künftig wird es verschiedene Produktklassen bei Wärmepumpen geben – ähnlich wie früher bei Öl- und Gasheizungen. Nicht jeder Kunde braucht die höchste Ausstattung, gleichzeitig werden viele Funktionen breiter verfügbar. Wichtig ist dabei nicht nur der Gerätepreis, ­sondern auch die Installationsgeschwindigkeit: Wenn Anlagen schneller eingebaut werden können, sinken die Gesamtkosten. Hersteller und Handwerk arbeiten deshalb gemeinsam daran, Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen, ohne Qualitätsverlust.

Die Erfahrung zeigt bereits heute, dass Wärmepumpen schneller installiert werden können als früher und zuverlässig funktionieren. Mit wachsender Verbreitung und Erfahrung in der Praxis werden Effizienz, Qualität und Wirtschaftlichkeit weiter steigen. Die Wärmepumpe wird zum zentralen Heizsystem, wobei das Fachhandwerk unverzichtbar bleibt, um diese Entwicklung erfolgreich umzusetzen.

SBZ: Herr Dr. Wiedeler, ich danke Ihnen für die spannenden Einblicke.

Dr. Conrad Wiedeler präsentiert die neue Wärmepumpen-Generation.

Bild: Viessmann

Dr. Conrad Wiedeler präsentiert die neue Wärmepumpen-Generation.

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