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Diese Treppe führt steil abwärts

Mit dem geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) will die Bundesregierung eine der umstrittensten Regelungen der vergangenen Jahre neu ordnen: die Anforderungen an neu eingebaute Heizungen. Im Zentrum steht dabei die sogenannte Biotreppe. Sie soll die bisherige Logik des Gebäudeenergiegesetzes ersetzen und es ermöglichen, auch künftig Gas- und Ölheizungen einzubauen, sofern diese schrittweise steigende Anteile erneuerbarer Energieträger nutzen. Auf den ersten Blick klingt das nach Technologieoffenheit. Auf den zweiten Blick nach Pragmatismus. Und auf den dritten Blick stellt sich die Frage, ob es sich hier tatsächlich um einen realistischen Pfad zur Dekarbonisierung handelt oder vielmehr um den Versuch, einen Zielkonflikt politisch elegant zu umschiffen.

Die Einführung der Biotreppe gleicht einer Wette auf eine technologisch lösbare Zukunft, deren Eintrittsquote unterirdisch ist – in zweierlei Hinsicht. Zum einen, um im Bild der Wette zu bleiben: Ein nennenswerter Zugewinn an Klimaneutralität erscheint nahezu unmöglich. Zudem sind die Beimischungsquoten, mit der die Biotreppe Gas und Öl langfristig in Richtung weniger klimaschädlich biegen will, eher utopischer Literatur zuzuordnen. Tatsächlich richtet sich die Kritik an der Biotreppe weniger gegen die technische Machbarkeit als gegen ihre energiewirtschaftlichen Voraussetzungen. Niemand bezweifelt ernsthaft, dass eine moderne Gasheizung mit Biomethan betrieben werden kann. Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Woher sollen die erforderlichen Mengen kommen?

Die Biotreppe ist eine politische ­Beruhigungspille.

Genau an diesem Punkt setzt die Kritik zahlreicher Fachverbände, Energieexperten und Branchenvertreter an. Biomethan gilt als wertvoller und zugleich knapper Energieträger. Schon heute ist absehbar, dass die nachhaltig verfügbaren Mengen begrenzt sind. Gleichzeitig konkurrieren verschiedene Sektoren um diese Ressource, von der Industrie über die Strom- und Wärmeerzeugung bis hin zu Anwendungen, die sich nur schwer elektrifizieren lassen. Wer dennoch davon ausgeht, dass künftig Millionen Gebäude erhebliche Mengen Biomethan beziehen können, muss entweder auf einen massiven Ausbau der Produktion oder auf umfangreiche Importe setzen. Beides ist nicht ausgeschlossen. Beides ist aber bislang auch nicht belastbar realistisch abgesichert.

Die Biotreppe stellt keineswegs einen beschleunigten Dekarbonisierungspfad dar. Vielmehr gehen die vorgesehenen Quoten teilweise sogar hinter bereits bekannte Anforderungen zurück. Das Problem dabei ist offensichtlich: Wer heute dem Zukunftsversprechen glaubt, langfristig problemlos mit Gas oder Öl weiterheizen zu können, verschiebt notwendige Investitionen in tatsächlich emissionsarme Technologien auf einen späteren Zeitpunkt. Damit entsteht ein klassischer Lock-in-Effekt: Gebäude bleiben über Jahrzehnte an eine Infrastruktur gebunden, deren Zukunft keineswegs gesichert ist. Denn selbst wenn ausreichend Biomethan verfügbar wäre, stellt sich unmittelbar die nächste Frage: zu welchem Einkaufspreis?

Grüne Gase sind bereits heute deutlich teurer als fossiles Erdgas. Mit steigender Nachfrage dürfte sich dieser Trend eher verstärken als umkehren. Hinzu kommen die weiter steigenden CO₂-Kosten für den fossilen Anteil. Die Vorstellung, dass ausgerechnet fossile Heizsysteme langfristig die wirtschaftlichste Lösung darstellen könnten, wirkt daher zunehmend optimistisch (außer natürlich für die Gas- und Öl-Energieversorgungskonzerne). Nicht nur, dass das GModG Gas und Öl wieder gleichberechtigt erlaubt, allen Widersprüchen hinsichtlich Klimaneutralität zum Trotz. Über die Biotreppe werden sie sogar sakrosankt in den Energiewendehimmel gehoben. Gas und Öl stehen plötzlich wieder auf der guten Seite der Heizungsmacht. Damit rücken die Ziele hinsichtlich der erforderlichen CO2-Reduktion im Gebäudebereich in undenkbar weit entfernte Galaxien.

Technologische ­Möglichkeiten von morgen werden zu Gewissheiten von heute erklärt.

Natürlich behauptet kaum jemand ernsthaft, die Biotreppe allein könne die zukünftige Klimaneutralität alleine stemmen. Doch sie verändert den Blick, mit dem heute auf Gas und Öl geschaut wird. Während das bisherige Regelwerk den Wechsel zu erneuerbaren Heiztechnologien aktiv beschleunigen sollte, signalisiert die neue Logik vor allem eines: Es kann im Wesentlichen so weitergehen wie bisher – die Lösung werde später schon verfügbar sein. Das erinnert an ein Muster, das in der Energiepolitik immer wieder auftaucht. Technologische Möglichkeiten von morgen werden zu politischen Gewissheiten von heute erklärt. Wasserstoff soll verfügbar sein. Biomethan soll ausreichend vorhanden sein. Die Märkte sollen die Probleme lösen. Die Infrastruktur soll folgen. Irgendwann halt.

Man könnte dies als Zuversicht beschreiben. Kritiker würden vermutlich von Hoffnungspolitik sprechen. Dabei fällt auf, dass die eigentliche Marktentwicklung längst eine andere Sprache spricht. Schon heute entscheiden sich die meisten Bauherren und ein wachsender Teil der Sanierer für Wärmepumpen. Die Technologie ist verfügbar, industriell etabliert und wird kontinuierlich effizienter. Mit zunehmendem Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung verbessert sich zudem ihre Klimabilanz automatisch. Ein Vorteil, den gasbasierte Systeme nicht besitzen. Der Wärmepumpe gehört die Gegenwart und erst recht die Zukunft.

Das bedeutet nicht, dass jede Wärmepumpe in jedem Gebäude sofort die optimale Lösung darstellt. Ebenso wenig bedeutet es, dass Biomethan oder andere grüne Gase künftig keine Rolle spielen werden. Doch ihre Stärken liegen wahrscheinlich dort, wo Alternativen fehlen. Und nicht dort, wo längst marktreife Lösungen verfügbar sind. Genau deshalb erscheint die Biotreppe in ihrer aktuellen Form weniger als technologieoffener Kompromiss denn als politische Beruhigungspille. Sie vermittelt den Eindruck, schwierige Entscheidungen könnten vertagt werden, ohne dass dies Konsequenzen hätte.

Die zentrale Schwäche der Biotreppe liegt letztlich nicht in ihrer Konstruktion, sondern in ihren Annahmen. Sie setzt auf Energieträger, deren Verfügbarkeit unsicher ist. Sie vertraut auf Preisentwicklungen, die niemand seriös prognostizieren kann. Und sie baut auf einen Transformationspfad, dessen Erfolg maßgeblich von Faktoren abhängt, die außerhalb des Gebäudesektors liegen. Politisch mag das attraktiv sein. Fachlich bleibt die Frage offen, ob hier tatsächlich ein gangbarer Weg zur Klimaneutralität beschrieben wird oder lediglich eine komfortable Treppe, auf der sich die eigentlichen Probleme noch einige Jahre verschieben lassen. Bis man irgendwann feststellt, dass die nächsten Stufen fehlen.

  • Die Biotreppe soll Klimaschutz mitTechnologieoffenheit verbinden, genau das macht sie so problematisch.
  • Die gestaffelten Beimischungsquoten sind nichts weiter als die Wette auf eine Zukunft, die so nicht eintreten wird.
  • Gas- und Ölheizungen erhalten dadurch zwar neue Freiheiten, aber zu welchem Preis und wer zahlt am Ende die Rechnung?
Autor
Dennis Jäger
ist Chefredakteur der SBZ.

Bild: SBZ

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