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Dass Handwerksbetriebe besser werden, ist kein Zufall

SBZ: Herr Sommer, wie werden Handwerksbetriebe besser?

Martin Sommer: Indem sie aufhören, nur im Tagesgeschäft zu funktionieren, und anfangen, ihre Arbeit systematisch zu hinterfragen. Viele Betriebe arbeiten einen Auftrag nach dem nächsten ab, nehmen sich aber kaum Zeit, um zu prüfen, was gut läuft, was nicht funktioniert und was sich konkret verbessern lässt. Genau da beginnt Entwicklung.

SBZ: Also erst einmal innehalten und zurückschauen?

Sommer: Genau. Das muss gar nicht kompliziert sein. Drei Fragen reichen oft schon: Was war gut? Was war nicht gut? Und was wollen wir beim nächsten Mal besser machen? Wer sich diese Fragen regelmäßig stellt, schafft die Grundlage dafür, dass aus Erfahrung tatsächlich Fortschritt wird.

SBZ: Klingt simpel. Warum passiert es trotzdem so selten?

Sommer: Weil im Alltag meist die Zeit fehlt – oder man glaubt, sie fehle. Dabei kostet es am Ende viel mehr Zeit, wenn dieselben Fehler immer wieder passieren. Wer nie reflektiert, organisiert im Grunde nur seine Probleme weiter.

SBZ: Was bringt so eine Rückschau ganz konkret?

Sommer: Sie macht Schwächen sichtbar, bevor sie zum Dauerproblem werden. Nehmen wir eine Baustelle: Vielleicht war das Material vollständig vor Ort, die Abstimmung im Team hat funktioniert und der Kunde war gut vorbereitet. Gleichzeitig zeigt sich aber vielleicht, dass mehrfach ungeplant zum Großhandel gefahren werden musste, dass Unterlagen gefehlt haben oder dass bei der Montage unnötige Fehler passiert sind. Wenn man das sauber bespricht, kann man daraus konkrete Verbesserungen ableiten.

Viele Unternehmen tun sich schwer damit, offen über Fehler zu sprechen.

Dennis Jäger, SBZ-Chefredakteur

SBZ: Und diese Verbesserungen sollten möglichst greifbar sein?

Sommer: Unbedingt. Es reicht nicht zu sagen: Wir müssen besser werden. Besser ist: Wir wollen pro Baustelle nur noch zweimal zum Großhandel fahren. Oder: Wir markieren Vor- und Rücklauf künftig farblich. Oder: Vor dem Baustart prüfen wir verbindlich, ob Fundament und Gerät zusammenpassen. Solche Ziele sind konkret, überprüfbar und damit wirksam.

SBZ: Wer sollte an solchen Besprechungen teilnehmen?

Sommer: Alle, die an der Leistung beteiligt waren: also Projektleitung, Baustellenteam und gegebenenfalls auch Innendienst oder Arbeitsvorbereitung. Wichtig ist, dass unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Die Runde sollte aber klein bleiben. Sonst wird aus einem Arbeitsgespräch schnell ein Kaffeekränzchen.

SBZ: Entwicklung hängt also nicht nur an einzelnen Mitarbeitern, sondern am gesamten System.

Sommer: Genau. Und da kommen wir zu einem Punkt, der für viele Chefs unbequem ist: Wenn Mitarbeiter etwas nicht können oder neue Abläufe nicht umsetzen, liegt die Ursache oft nicht zuerst beim Mitarbeiter, sondern in der Führung.

SBZ: Inwiefern?

Sommer: Weil viele Prozesse schlecht eingeführt werden. Dann heißt es schnell: Mein Mitarbeiter macht das nicht. Oder: Meine Azubis können das nicht. In Wahrheit gibt es oft nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Prozess selbst taugt nichts – oder er wurde nicht sauber vermittelt.

SBZ: Was wäre denn die richtige Vorgehensweise?

Sommer: Der erste Schritt ist immer: den Prozess selbst durchdenken und selbst durchspielen. Nicht nur theoretisch. Wer einen neuen Ablauf einführt, muss ihn einmal von Anfang bis Ende praktisch verstanden haben. Erst danach wird dokumentiert – zunächst grob, dann detailliert. Und erst dann wird festgelegt, wer welche Aufgabe übernimmt.

SBZ: Viele Betriebe erklären einen neuen Ablauf einmal und gehen dann davon aus, dass es läuft.

Sommer: Genau das ist der Fehler. Erklären reicht nicht. Neue Prozesse müssen geübt werden. Mitarbeiter brauchen Zeit, um Abläufe zu verstehen und anzuwenden – und zwar während der Arbeitszeit, nicht nebenbei am Abend. Wenn ein Betrieb will, dass neue Standards funktionieren, muss er dafür Raum schaffen.

Wenn man Fehler ­dokumentiert, sachlich bespricht und die ­Erkenntnisse weitergibt, dann wird das Unternehmen besser.

Martin Sommer, digi professionals GmbH

SBZ: Das heißt: Übung ist kein Luxus, sondern Voraussetzung.

Sommer: Absolut. Niemand macht absichtlich Fehler. Die meisten Mitarbeiter wollen gute Arbeit leisten. Aber sie brauchen Klarheit, Sicherheit und Wiederholung. Wenn Prozesse unklar bleiben, entstehen Unsicherheit und Frust. Und daraus wird dann schnell Demotivation.

SBZ: Viele Chefs setzen allerdings voraus, dass erfahrene Mitarbeiter neue Abläufe schon irgendwie hinbekommen.

Sommer: Das ist eine riskante Annahme. Ich rate dazu, beim Einführen neuer Prozesse erst einmal so zu denken, als beginne jeder bei null. Nicht, weil Mitarbeiter nichts können, sondern weil man dadurch gezwungen ist, sauber zu strukturieren, verständlich zu erklären und nichts als selbstverständlich vorauszusetzen. Gerade, wenn neue Mitarbeitende an Bord kommen, also im Onboarding, ist das enorm wichtig.

SBZ: Erfahrung allein ist also kein Garant für Qualität?

Sommer: Nein. Jemand kann 20 Jahre Berufserfahrung haben und 20 Jahre lang dieselben Fehler gemacht haben. Entscheidend ist nicht nur, wie lange jemand etwas macht, sondern ob er lernfähig ist – und ob der Betrieb Lernen überhaupt ermöglicht.

SBZ: Damit sind wir beim Thema Fehler. Viele Unternehmen tun sich schwer damit, offen darüber zu sprechen.

Sommer: Und genau das bremst Entwicklung. Fehler sind unangenehm, aber sie sind auch eine der wertvollsten Lernquellen im Betrieb. Wenn ein Fehler nur still behoben wird, passiert er wahrscheinlich wieder. Wenn man ihn dokumentiert, sachlich bespricht und die Erkenntnisse weitergibt, dann wird das Unternehmen besser.

SBZ: Wie muss so eine Fehlerkultur aussehen?

Sommer: Sachlich und ohne Schuldzuweisung. Es geht nicht darum, jemanden bloßzustellen. Die entscheidenden Fragen sind: Was ist passiert? Warum ist es passiert? Und wie verhindern wir es künftig? Sobald Mitarbeiter das Gefühl haben, sie werden an den Pranger gestellt, reden sie nicht mehr offen. Dann geht wertvolles Wissen verloren.

SBZ: Das hilft dann auch bei der Einarbeitung neuer Kollegen?

Sommer: Sehr sogar. Wenn typische Fehler dokumentiert sind, profitieren neue Mitarbeiter direkt vom Erfahrungswissen des Teams. Dann beginnt Einarbeitung nicht jedes Mal wieder bei null. Das spart Zeit, erhöht die Qualität und entlastet auch die Führungskräfte.

Mitarbeiterentwicklung passiert nicht so nebenbei.

Martin Sommer

SBZ: Muss dafür gleich eine große digitale Lösung her?

Sommer: Nein. Natürlich kann man mit digitalen Wissenssammlungen, kurzen Lernvideos oder anderen Systemen arbeiten. Aber entscheidend ist nicht zuerst die Technik. Entscheidend ist, dass Wissen überhaupt festgehalten und weitergegeben wird. Ein schlechter Prozess wird durch Software nicht gut.

SBZ: Heißt konkret?

Sommer: Erst den Ablauf klären, dann das passende Werkzeug wählen. Also: Prozess selbst durchdenken, sauber dokumentieren, Zuständigkeiten definieren, Mitarbeiter einarbeiten, üben und anschließend aus Fehlern lernen. Wenn diese Reihenfolge fehlt, helfen auch die besten Tools nur begrenzt.

SBZ: Was ist aus Ihrer Sicht der häufigste Denkfehler in Betrieben?

Sommer: Dass man Mitarbeiterentwicklung für etwas hält, das nebenbei passiert. Das tut sie nicht. Menschen entwickeln sich dann weiter, wenn Erwartungen klar sind, Wissen strukturiert vermittelt wird und Lernen Teil des Arbeitsalltags ist. Genau das ist Führungsaufgabe.

SBZ: Und was bedeutet das für den Chef konkret?

Sommer: Er muss sich fragen, ob seine Mitarbeiter überhaupt die Chance haben, erfolgreich zu sein. Sind Prozesse verständlich? Wurden sie geübt? Ist klar, wer was wann warum macht? Werden Fehler genutzt, um besser zu werden? Wenn die Antwort darauf nein lautet, sollte man nicht zuerst auf die Mitarbeiter zeigen.

SBZ: Ihr Fazit in einem Satz?

Sommer: Handwerksbetriebe werden besser, wenn sie klare Abläufe schaffen, Mitarbeiter systematisch einarbeiten und Fehler nicht verstecken, sondern als Lernstoff nutzen.

SBZ: Herr Sommer, besten Dank für die Einblicke.

Jede Woche neu: Podcast für Handwerksunternehmer

Der Podcast „Das Handwerk: Macht kurze Prozesse“ richtet sich an Inhaberinnen und Inhaber sowie Führungskräfte im Handwerk, die ihren Betrieb strukturiert weiterentwickeln möchten. In kompakten Folgen werden praxisnahe Lösungen für typische Herausforderungen im Be­triebs­alltag vorgestellt – verständlich, konkret und direkt umsetzbar. Moderiert wird der Podcast von Dennis Jäger und Martin Sommer. Dennis Jäger ist Chefredakteur der Fachzeitschrift SBZ und bringt seine Perspektive aus Journalismus und Branchenbeobachtung ein. Martin Sommer ist Gründer von eLearningPlus sowie der digi professionals GmbH und spezialisiert auf digitale ­Lösungen und Prozessoptimierung im Handwerk. Gemeinsam verbinden sie strategisches Wissen mit praktischer Umsetzungserfahrung.

Inhaltlich geht es unter anderem um Themen wie Mitarbeiterführung, Onboarding, Marketing, Prozessorganisation, Digitalisierung oder Kundenbindung. Die beiden Hosts zeigen anhand konkreter Beispiele, wie Handwerksbetriebe Abläufe vereinfachen, effizienter arbeiten und langfristig erfolgreicher werden können. Ein zentrales Element jeder Folge sind die sogenannten „Hausaufgaben“: ergänzende Materialien wie Checklisten, Vorlagen oder konkrete Anleitungen, die passend zum Thema über einen WhatsApp-Kanal bereitgestellt werden. Diese können direkt im eigenen Betrieb eingesetzt werden, um die Inhalte der Episode unmittelbar in die Praxis zu übertragen. Der Podcast erscheint regelmäßig einmal pro Woche – jeweils freitags – und dauert in der Regel rund 15 Minuten. Über den WhatsApp-Kanal wird keine Folge mehr verpasst.

Bild: SBZ / digi professionals

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