Rückstauschutz sowie normgerechte Be- und Entlüftung zählen zu den technisch anspruchsvollsten Anforderungen bei der Planung und Installation von Abwasserhebeanlagen. In der Praxis führen sie häufig zu komplexen und kostenintensiven Lösungen mit mehreren Deckendurchbrüchen und aufwendigen Leitungsführungen. Dass es auch anders geht, zeigt ein gänzlich neu gedachter Ansatz, der erstmals eine sichere Installation vollständig unterhalb der Rückstauebene und ohne zusätzliche Leitungsführung über Dach ermöglicht. Joachim Ziob erläutert im Interview mit SBZ-Redakteurin Beate Geßler die Hintergründe, die technischen Prinzipien und den Entwicklungsprozess der neuartigen Systemlösungen.
SBZ: Herr Ziob, was steht im Vordergrund des neuen Ansatzes? Wollten Sie damit ein Normproblem oder ein Praxisproblem lösen?
Joachim Ziob: Ganz klar ein Praxisproblem. Die Norm beschreibt einen idealen Zustand bei der Installation von Hebeanlagen, also eine Rückstauschleife über die Rückstauebene und Lüftungsleitung über Dach. Die Realität sieht aber häufig anders aus, vor allem im Bestand. Viele Hebeanlagen sind nicht normgerecht installiert, weil die baulichen Voraussetzungen fehlen. Das ist mit Unsicherheiten im Betrieb und erheblichen Risiken im Schadenfall verbunden.
Das sehen im Übrigen auch viele kommunale Genehmigungsstellen ähnlich, die die praktischen Herausforderungen von Bestandsgebäuden nur zu gut kennen. Unser Ansatz war daher: Wie schaffen wir technisch sichere Lösungen, die unter realen Bedingungen zuverlässig funktionieren? Mit dem Systemtrenner und der Lüftungsweiche haben wir dafür Antworten entwickelt, die es bislang in dieser Form nicht gab.
SBZ: Bitte erläutern Sie die beiden Neuheiten näher. Was ist anders als bei den bisherigen, klassischen Lösungen?
Ziob: Der mechanische Systemtrenner ersetzt die Rückstauschleife, wenn sie nicht normgerecht über die Rückstauebene geführt werden kann. Die Installation erfolgt unterhalb der Rückstauebene und oberhalb der Kanalsohle. Das Bauteil trennt die Druckleitung der Hebeanlage sicher von der angeschlossenen Freispiegelleitung und verhindert so zuverlässig ein Zurückdrücken von Abwasser aus dem Kanal.
Das System arbeitet mit einem federbelasteten Ventilstößel. Während des Pumpbetriebs öffnet sich das Strömungsventil automatisch durch den abzuführenden Wasserstrom. Nach dem Fördervorgang schließt der mechanische Verschluss selbsttätig. Im Rückstaufall sorgt ein Auftriebskörper ergänzend für eine redundante Abdichtung. Damit entsteht ein rein mechanisches, doppeltes Sicherungssystem.
Innovation beginnt dort, wo Branchen voneinander lernen.
Die Lüftungsweiche hingegen übernimmt die Be- und Entlüftung von Hebeanlagen und Fettabscheidern ohne eine zusätzliche Leitungsführung über Dach und aufwendige Deckendurchbrüche. Im Normalbetrieb erfolgt der Luftaustausch über die angeschlossene Freispiegelleitung in Richtung Kanalisation.
Bei Rückstau verschließt ein integrierter Schwimmer diesen Weg. Die Entlüftung erfolgt dann über einen Bypass durch einen Aktivkohlefilter in den Aufstellraum. Der Filter wird dabei nur im Rückstaufall genutzt und bleibt im Normalbetrieb ungenutzt und trocken. Dadurch wird die Funktionsfähigkeit langfristig sichergestellt und der Wartungsaufwand minimiert.
SBZ: Wie hat der Entwicklungsprozess begonnen und was hat den entscheidenden Impuls gegeben, wirklich neu zu denken?
Ziob: Der Startpunkt war ein mehrtägiger Innovationsworkshop nach der sogenannten Lead-User-Methode in Kufstein. Dort haben wir bewusst interdisziplinär gearbeitet – also nicht nur mit internen Entwicklern, sondern gemeinsam mit externen Spezialisten aus unterschiedlichsten technischen Disziplinen, vom Handwerk über die Luftfahrt bis hin zur Wissenschaft.
Ziel war es, die Problemstellung einmal komplett offen zu betrachten. Wie kann man Rückstauschutz und Lüftung neu denken, wenn man nicht automatisch in den gewohnten Mustern der Entwässerungstechnik bleibt? Genau dieser branchenübergreifende Perspektivwechsel war enorm wertvoll. Wir haben Funktionsprinzipien zerlegt, neu kombiniert und mit Experten diskutiert, die andere Denkmuster, Sichtweisen und technische Erfahrungen mitbringen.
SBZ: Welchen externen Input gab es denn konkret und wie haben Sie davon profitiert?
Ziob: Ein wertvoller Impuls für den Systemtrenner kam beispielsweise von einem Ingenieur aus der Luft- und Raumfahrt. Daraus entstand die Idee, Strömung und mechanische Abdichtung im System mithilfe eines Ventilstößels gezielt zu kombinieren.
Ein wertvoller Impuls kam aus der Luft- und Raumfahrt, ein weiterer aus dem Schiffsbau.
Ein weiterer Ansatz stammt aus dem Schiffsbau. Dort sind robuste Systeme Standard, die auch ohne Energiezufuhr zuverlässig funktionieren und gleichzeitig redundant ausgelegt sind. Ein Ingenieur aus diesem Bereich hat die Entwicklung der Lüftungsweiche entscheidend mitgeprägt. Konkret ging es um die rein mechanische Schwimmerlösung, die bei Rückstau sicher schließt und gleichzeitig den Anlagenbetrieb gewährleistet.
SBZ: Von der Idee bis zum funktionierenden Produkt ist es aber noch ein weiter Weg. Was waren die größten Herausforderungen, die Sie hier überwinden mussten?
Ziob: Nach den ersten Konzepten sind wir sehr schnell in die praktische Umsetzung gegangen. Dabei haben wir die Lösungen in mehreren Entwicklungs- und Testschleifen kontinuierlich optimiert. Die größte Herausforderung war die frühe Feldtestphase. Hier hat uns der 3D-Druck enorm geholfen.
Damit konnten wir unterschiedliche Geometrien und Funktionsprinzipien kurzfristig realisieren, direkt testen und schnell Anpassungen vornehmen. Teilweise haben wir Bauteile aus Polyethylen-Quadern herausgefräst, um erste belastbare Feldtests durchführen zu können. Mit diesem individuellen Modellbau haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht und wertvolle Erkenntnisse für die schrittweise Optimierung gewonnen.
Eine normgerechte Installation scheitert oft an baulichen Voraussetzungen.
SBZ: Klar ist aber auch, für diese vollkommen neuen Systeme existiert keine spezifische Norm. Warum sollte man einer Lösung vertrauen, die normativ (noch) nicht abgesichert ist?
Ziob: Wir haben von Anfang an großen Wert auf eine belastbare Absicherung gelegt, damit Planer und Fachhandwerker auch auf einer sicheren Grundlage arbeiten können. Gemeinsam mit renommierten Partnern aus Wissenschaft, Prüfwesen und Normung haben wir über mehrere Jahre ein umfassendes Nachweis- und Zertifizierungskonzept entwickelt. Auf dieser Grundlage entstand mit der DIN SPEC 3615 erstmals ein technischer Orientierungsrahmen für beide Produktlösungen.
Darüber hinaus wurden sowohl der Systemtrenner als auch die Lüftungsweiche durch den TÜV Rheinland umfangreich getestet und mit dem Siegel „TÜV-geprüft“ ausgezeichnet. Auf der regulatorischen Ebene ist die Anwendung ebenfalls abgesichert. Das Österreichische Institut für Bautechnik (OIB) sowie die Schweizer Zertifizierungsstelle Qplus haben die entsprechenden Zulassungen und Zertifizierungen erteilt.
Ergänzend bieten wir mit einer Herstellererklärung zusätzliche Sicherheit für Planung und Einbau. Diese umfangreichen Maßnahmen waren uns wichtig, gerade weil wir hier einen neuen technischen Standard in der Gebäudeentwässerung definieren.
Den technischen Orientierungsrahmen für beide Produktlösungen gibt die DIN SPEC 3615 vor.
SBZ: Welche Vorteile bringen Systemtrenner und Lüftungsweiche insbesondere für Planer und Installateure mit sich?
Ziob: Vor allem Vereinfachung. Beide Systeme ermöglichen es, die komplette Installation im Aufstellraum der Hebeanlage zu realisieren. Deckendurchbrüche, Steigleitungen und zusätzliche Maßnahmen für Brand- oder Schallschutz entfallen. Gerade im Bestand, bei Sanierungen oder in denkmalgeschützten Gebäuden ist das ein entscheidender Vorteil. Das reduziert den Installations- und Zeitaufwand erheblich und kann – je nach Anwendung – Kosteneinsparungen von bis zu 70 % ermöglichen.
Auch der Materialeinsatz sinkt deutlich, da zusätzliche Rohrleitungen und Bauteile entfallen, was sich positiv auf die Ressourceneffizienz im Sinne des nachhaltigen Bauens auswirkt. Darüber hinaus sind die Systeme auch im Neubau interessant, weil sie Planung und Ausführung vereinfachen und wirtschaftlicher machen. Die Einsatzbereiche reichen vom Wohnbau bis hin zu gewerblichen Anwendungen, etwa im Zusammenspiel mit Fettabscheidern. Wir haben hier zwei echte Problemlöser entwickelt.
SBZ: Wie praxistauglich sind diese Problemlöser mit Blick auf Installation, Betrieb und Wartung?
Ziob: Ein zentraler Punkt war die einfache Handhabung bei der Installation und im Alltag. Beide Systeme lassen sich an unterschiedliche Einbausituationen anpassen und in bestehende Konzepte integrieren. Der Systemtrenner ist als modularer Bausatz ausgeführt und kann flexibel an verschiedene Nennweiten angepasst werden. Das Spektrum reicht von DN 50 bis 100 druckleitungsseitig sowie von DN 90 bis 200 abwasserrohrseitig, mit Muffen- und Spitzendenanschlüssen. Zudem verfügt das System über integrierte Wartungsöffnungen für einen schnellen und werkzeuglosen Zugang.
Wir definieren hier einen neuen technischen Standard in der Gebäudeentwässerung.
Die kompakte Bauweise der Lüftungsweiche ermöglicht die direkte Integration in die Entlüftungsleitung der Hebeanlage. Auch hier sind die wartungsrelevanten Komponenten wie der Aktivkohlefilter leicht zugänglich. Die Inspektion kann im Rahmen der regulären Wartung der Hebeanlage erfolgen. Das reduziert den Aufwand im Betrieb und sorgt gleichzeitig für eine hohe Betriebssicherheit.
SBZ: Systemtrenner und Lüftungsweiche sind nicht Ihre ersten Innovationen, aber der Weg war diesmal ein besonderer. Was wollen Sie damit in der Branche anstoßen?
Ziob: Unser Anspruch ist ganz klar, dass wir hier nicht über eine Nischenlösung sprechen. Natürlich sehen wir heute große Vorteile in der Sanierung und überall dort, wo klassische Installationen an bauliche und örtliche Grenzen stoßen. Aber wir sind überzeugt, dass sich Lösungen, die einfacher, wirtschaftlicher und gleichzeitig sicher sind, auch im Neubau durchsetzen werden.
Das ist einfach unser klassischer Innovationsansatz: Wir entwickeln Lösungen aus der Praxis heraus und schaffen damit die Grundlage für neue technische Standards. Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, etwa bei der Rückstaupumpanlage Pumpfix, beim Verbundwerkstoff Ecoguss für Abläufe, bei den Hybrid-Hebeanlagen oder bei unseren werkzeuglosen Wartungskonzepten.
Ein zentraler Punkt bei der Entwicklung war die einfache Handhabung.
Der Systemtrenner und die Lüftungsweiche führen diese Linie konsequent weiter. Für mich ist ihre Entwicklung zugleich ein Paradebeispiel dafür, dass Innovation dort beginnt, wo Branchen voneinander lernen. Der intensive Austausch und das Zusammenspiel mit Experten aus Praxis, Wissenschaft und unterschiedlichsten technischen Disziplinen waren letztlich der Schlüssel zu beiden Lösungen.
SBZ: Herr Ziob, vielen Dank für das Gespräch und die interessanten Einblicke.
Bild: Kessel
Zwei Neuheiten markieren einen Technologiesprung unterhalb der Rückstauebene und ermöglichen es, die komplette Installation im Aufstellraum der Hebeanlage zu realisieren.
Bild: Kessel
In der Praxis sind Rückstauschutzlösungen samt normgerechter Be- und Entlüftung häufig mit mehreren Deckendurchbrüchen und aufwendigen Leitungsführungen verbunden.
Bild: Kessel
Bild: Kessel
Für die normgerechte Installation einer Hebeanlage ist eine Be- und Entlüftung über Dach sowie die Entwässerung über eine Rückstauschleife oberhalb der Rückstauebene nötig.
Bild: Kessel
Mit dem Systemtrenner CleverLoop und der Lüftungsweiche CleverVent ist ein Deckendurchbruch im Gebäude nicht mehr nötig. Beide Lösungen funktionieren unterhalb der Rückstauebene.
Der Systemtrenner ist mit einem selbsttätigen Verschluss ausgestattet, der im Pumpbetrieb automatisch öffnet (rechts oben) und nach dem Pumpvorgang wieder schließt (rechts unten). Damit wird die Sicherheit gegen Rückstau auch bei fehlender Überhöhung der Druckleitung gegenüber der Rückstauebene gewährleistet.
Bild: Kessel
Bild: Kessel
Bild: Kessel
Bei der Lüftungsweiche erfolgt im Normalbetrieb der Luftaustausch über die angeschlossene Freispiegelleitung und die Kanalisation (rechts oben). Bei Rückstau wird der Schwimmer durch das Wasser angehoben (rechts unten). Dadurch gibt die Kugel oberhalb des Schwimmers den Weg zur Be- und Entlüftung über den Aktivkohlefilter in den Raum frei – auch während eines Stromausfalls.
Bild: Kessel
Bild: Kessel
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