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Purismus darf auch farbig sein!

Im Frühjahr wollten mein Mann und ich unseren 80 m² kleinen Garten optimieren. Wir hatten mehrere Gartenplaner vorab zum Gespräch eingeladen: Für einige war das Projekt nicht interessant, weil zu klein, aber beeindruckt hat uns der Chef eines größeren Unternehmens, der sagte, ihm ist kein Projekt zu winzig, sondern ihm ginge es darum, selbst in Minigärten wie unserem (kaum größer als ein grünes Zimmer) jeden Quadratmeter zu optimieren. Man müsse versuchen, das Maximum aus den eingeschränkten Möglichkeiten herauszuholen. Im Bad ist die Situation ein wenig vergleichbar mit der unserer kleinen Scholle. Die meisten Bäder sind eher klein, die Gegebenheiten nicht ideal, aber mit ein wenig Leidenschaft, guter Planung und Know-how lässt sich viel bewirken, selbst auf begrenztem Raum.

Was aber bedeutet das heutzutage? Versuchen wir, uns aufs Wesentliche zu konzentrieren. In Deutschland baut man traditionell fast für die Ewigkeit. Anspruchsvolle Architektur ist daher für uns und unsere Kunden ein erstrebenswertes Ziel, draußen wie drinnen. Viele Architekten lieben Sachlichkeit und Materialästhetik, sind fokussiert auf Funktion und Nachhaltigkeit. Allgemeine Leitgedanken der Baukunst lassen sich auf moderne Bad- und Küchenplanung übertragen. Sowohl im Neubau als auch im Sanierungsfall sollte bzw. muss die Auswahl der Produkte für 12 bis 15 ­Jahre, aus Sicht der Kundschaft besser noch für 20 bis 30 Jahre passen. Funktionalität wird als selbstverständlich vorausgesetzt, ebenso wie visuelle Klarheit und Qualität der einzelnen Elemente. Auf Überflüssiges und Dekoration wird meist weitestgehend verzichtet.

Dennoch darf das neue Bad nicht lieblos oder langweilig werden, und genau hier kommt ein wichtiges Thema ins Spiel – nämlich die Farbe. Gutes Farbdesign muss der Idee des Minimalismus nicht widersprechen, sondern es macht ein beliebiges Bad persönlich und zu einem ganz besonderen Raum. Vielleicht kann der Marmor dunkel­grün sein, und statt poliertem Chrom kommt bei der Sanitärarmatur eine messingfarben gebürstete PVD-Oberfläche zum Zuge. Im Objektbereich haben wir ein markantes, aufs Wesentliche reduziertes Hotelbad in leuchtendem Pink mit Gelb gefunden. Es ist sicher nicht gerade typisch für elegante Schlichtheit, aber fast einzigartig und passt vielleicht gerade deshalb als Inspiration für eine Badausstellung?

Wenn man schaut, wo der Purismus herkommt, stößt man fast unausweichlich früher oder später auf die Bauhaustradition. Ein klassisches bzw. einheitliches Bauhausdesign oder gar ein Bauhausstil hat jedoch eigentlich nie existiert. Den kann es im Bad schon gar nicht geben. Zu Beginn der 1920er-Jahre hatten nicht mal ein Viertel der Deutschen ein eigenes Bad. Die Maler Wassily Kandinsky und Paul Klee sind nur zwei von vielen Lehrern, Künstlern, Handwerkern und Architekten, die in einer der weltweit renommiertesten „Vereinigungen für Architektur und Design“ unterrichtet haben. Glauben Sie, alle Professoren und Künstler heute sind im Hinblick auf Gestaltung einer Meinung? Wohl kaum, und das war vor 100 Jahren im Bauhaus nicht anders. Nicht während der Anfänge in Weimar, nicht während der Konsolidierungs- und Hauptphase in Sachsen-Anhalt, geschweige denn in den 1930er-Jahren, als die Designschmiede unter dem Druck der Nationalsozialisten nach Berlin zog, ehe sie 1933 völlig auseinanderfiel.

Bis heute hält sich der Einfluss der Bauhaus-Ästhetik nicht nur im Wohnraum, sondern auch im Bad. Kubische Waschtische und Möbelfronten überzeugen mit formaler Geradlinigkeit, die über alle kurzfristigen Trends erhaben scheint. Das Streben nach größtmöglicher Klarheit findet sich bei Armaturen, Wannen und Fliesen wieder, bei denen man sich auf die Prinzipien des Bauhauses bezieht. Heute ist es durchaus möglich, eine Badezimmereinrichtung zu schaffen, die den sogenannten „Stil des Bauhauses“ auf eindrucksvolle Weise aufnimmt. Die typischen klaren Formen, konsequent auf jeden Schnörkel verzichtend, stehen im Mittelpunkt und verleihen dem Bad eine zeitlose Ästhetik. Besonders passend sind hochwertige Materialkombinationen, die Möbeln und anderen Einrichtungselementen ein markantes Gesicht geben. Solche Zusammenstellungen sorgen für eine oft als angenehm empfundene Atmosphäre im Bad.

Die unaufdringlichen geometrischen Linien vermitteln einen Ausdruck, der seit fast einem Jahrhundert auch bei Endverbrauchern bis heute großen Anklang findet. Sichtbeton ist nach wie vor beliebt, wie z. B. die Badeinrichtung von Bette mit Entwürfen von „Barber & Osgerby“ zeigt. Dazu würden etwa die Accessoires aus der Serie „­Modo“ von Blomus passen.

Aber blicken wir noch einmal kurz zurück. Am Bauhaus der 1920er-Jahre war man kreativ: Man malte, webte, baute, forschte und entwickelte innovative Möbel und Materialien. Dabei wurde über völlig neue Wohnformen nachgedacht. Kunst und Technik sowie Industrie und Handwerk unter einem Dach zu vereinen, das waren die Kernideen damals. Für die Farbe im Bauhaus steht meist Johannes Itten mit seinen sieben Kontrasten (die SBZ hat darüber in früheren Artikeln bereits Impulse fürs Bad veröffentlicht). Die sieben Kontraste werden bis heute gern als Basis im Kunstunterricht vermittelt. Itten hat sich aber schon einige Jahre nach der Gründung mit Walter Gropius, dem Chef(-Architekten) des Bauhauses, überworfen und verließ die Schule. Nach­rücker war der – zumindest in Fachkreisen – nicht minder angesehene Josef Albers, ein großartiger Künstler, dessen Lebensziel die Erforschung der Wirkung von Farbe im Kontext
war.

Er hat die Form aufs absolute Minimum reduziert und immer wieder die Wirkung von farbigen Quadraten in farblich wechselnder Umgebung analysiert. Nichts sollte von der reinen Wirkung der Farbe ablenken. Seine berühmteste Serie von Kunstwerken heißt „Hommage to the Square“ und ist eigentlich fast weniger eine Huldigung an das Quadrat als vielmehr eine einzigartige Huldigung an die Farbe. Das Quadrat diente als Mittel zum Zwecke der ablenkungsfreien Konzentration auf viele spannende Farb-Fragen, von denen wir drei exemplarisch anführen möchten.

Gestaltungsübung 1

Kommt uns ein rotes oder ein blaues Quadrat auf „neutral“-grauem Grund eher entgegen oder weicht es zurück von uns? Welche Farbe schafft Nähe, welche Distanz? Verkürzte Antwort: Rot ist aktiv, warm und nah, während Blau eher kühl zurückweicht. Vorausgesetzt, es steht nicht in einem noch kälteren Türkisblau. Dann kann es sein, dass uns das in diesem Kontext wärmer wirkende Blau entgegenkommt. Und Obacht: Grau ist übrigens nur vermeintlich neutral: Hinter Rot oder neben Backstein wirkt es kühl, während exakt dieselbe Nuance hinter dem blauen Quadrat oder neben einem blauen Rollo im Bad wärmer erscheint.

Gestaltungsübung 2

Verändert sich die Farbwirkung, wenn man die Helligkeit des Quadrats, aber nicht die Farbe an sich verändert? Sie wussten es: Sie verändert sich völlig. Ein helles Rot wie etwa Barbie-Rosa wirkt auf viele Menschen süßlich und lässt uns an Bonbons oder Kindheitserinnerungen denken, da solche Farbtöne häufig in Süßwaren verwendet werden. Ein tiefes Bordeaux hingegen wird oft mit Eleganz und Luxus assoziiert – das liegt vielleicht daran, dass dunkle Rottöne häufig in hochwertigem Wein oder edler Kleidung vorkommen und deshalb eher einen klassischen Eindruck hinterlassen. Zumindest war das so. Heute wird Rosa auch sehr erfolgreich und marketingorientiert entgegen diesem Klischee eingesetzt, beispielsweise in der Kampagne von Hewi oder wie in unserem Hotelbad-Beispiel, das der Tourist bestimmt so schnell nicht wieder vergisst.

Gestaltungsübung 3

Wirkt ein kräftig gelbes Quadrat kleiner oder größer, leichter oder schwerer als ein hellblaues mit identischer Kantenlänge? Die typische Antwort von Josef Albers hätte gelautet: Das müssen wir im jeweiligen Kontext betrachten. Das Gewicht von Farben war eines seiner zentralen Themen. Albers untersuchte mit seinen Studenten Hunderte, wenn nicht Tausende von Quadraten auf andersfarbigen Quadraten. In seinem Buch „Interaktion der Farbe“ hat er nachgewiesen, wie unterschiedlich ein und dieselbe Farbe auf einen Betrachter wirken kann, je nachdem in welchem farbigen Kontext sie steht.

Farbe war nicht dekorative Zutat, sondern wurde als fundamentaler Bestandteil im Rahmen der gesamten Planung einer Raumsituation betrachtet. Vergleichbare Ansichten wie bei Albers im Bauhaus wurden zu Anfang des 20. Jahrhunderts etwa durch Architekten wie Bruno Taut in Berlin, bei Le Corbusier in der Schweiz und in Frankreich und durch die De-Stijl-Gruppe um Mondrian in den Niederlanden vertreten. Die gesamte Bewegung der klassischen Moderne, wie diese Zeit um 1920 ebenfalls genannt wird, auf rechte Winkel, Chrom, Glas, Stahl, Beton und Grundfarben zu reduzieren, würde ihrem Anspruch in keiner Weise gerecht. Sowohl Bruno Taut als auch Le Corbusier haben sogar eigene Farbpaletten für den Einsatz in der (Innen-)Architektur entwickelt, die bis heute geschätzt werden.

Was heißt das alles nun konkret? Der Minimalismus im Bad wird – und zwar zu Recht – bis heute auf der Basis eines konstruktiv verstandenen Bauhausgedankens eingesetzt und gefeiert. Natürliche Materialien wie Marmor und Travertin werden mit einer wachsenden Auswahl von Farben für Armaturen, Keramik und Wände kombiniert. Mineralische Gusswerkstoffe und roh belassener Beton faszinieren im Zusammenklang mit wertvollen Hölzern, mit individuell abgestimmten Nuancen auf den Fronten der Badmöbel und auf der Wand über der Wanne. Statt scharfer Kanten erscheinen auch reduzierte gerundete bzw. organische Formen angemessen, statt rechter Winkel setzen sich im Bad der Gegenwart bzw. Zukunft kreisrunde Spiegel als geometrische Grundform immer mehr durch.

Ein gut gemachtes, fast asketisches Bad bringt Ruhe und sorgt für ein entspanntes Gefühl. Farbe hilft maßgeblich dabei, Familienbad und Gäste-WC zu individualisieren. Mit hochwertiger Einrichtung wird ein Badezimmer langfristig nachhaltiger. Smarte Technik wie wassersparende Armaturen und intelligente Beleuchtungssysteme tragen dazu bei, Ressourcen zu schonen und den Komfort zu erhöhen. Da es wenig Dekoration und überflüssige Details gibt, benötigt man weniger Zeit und Energie bei der regelmäßigen Reinigung. So bleibt mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens! Der Purismus hat also nach wie vor seine absolute Berechtigung, darf allerdings heute auch gern farbig interpretiert werden.

Nachtrag: Unsere Gartenumgestaltung war zwar nicht günstig, aber wir sitzen jetzt viel öfter und lieber auf unserer Terrasse, haben keinen Cent bereut und den Fachmann, der uns bei der Aktion geholfen hat, in der gesamten Nachbarschaft weiterempfohlen. Unser Haus ist jetzt volljährig geworden – vielleicht wird demnächst ein Update im Bad fällig?

  • Kleine Bäder lassen sich bei guter Planung selbst auf ­begrenztem Raum optisch auf­werten.
  • Zeitlose Badplanung verbindet Funktionalität, Formen und Farben.
  • Die Bauhaustradition ­beeinflusst Bäder mittels ­klarer, reduzierter Gestaltung.
  • Farben sind ein zentrales Gestaltungsmittel, deren Wirkung sich kontextabhängig verändert.
  • Unterm Strich führt der moderne Purismus zu ruhig wirkenden Bädern mit breiter ­Akzeptanz.
  • Bild: Kalthegener

    Als typisch fürs Bauhaus gelten Schwarz-Weiß und die Primärfarben Gelb, Rot, Blau, gern kombiniert mit Materialien wie Chrom, Glas, Stahl, Beton. Auf dunklem Untergrund sehen dieselben drei Primärfarben viel heller aus. Was der Farbenkünstler Josef Albers unter dem Titel „Interaktion der Farbe“ vor gut 100 Jahren erforschte, trifft auch noch heute zu.

    Bild: Kalthegener

    Als typisch fürs Bauhaus gelten Schwarz-Weiß und die Primärfarben Gelb, Rot, Blau, gern kombiniert mit Materialien wie Chrom, Glas, Stahl, Beton. Auf dunklem Untergrund sehen dieselben drei Primärfarben viel heller aus. Was der Farbenkünstler Josef Albers unter dem Titel „Interaktion der Farbe“ vor gut 100 Jahren erforschte, trifft auch noch heute zu.
    Die Badewanne Bette Suno in Salvia wurde hier großzügig in Szene gesetzt, wobei kleine Akzente wie Chili-Rot und die grüne Pflanze wichtig sind, um den großen Raum wohnlich erscheinen zu lassen.

    Bild: Bette

    Die Badewanne Bette Suno in Salvia wurde hier großzügig in Szene gesetzt, wobei kleine Akzente wie Chili-Rot und die grüne Pflanze wichtig sind, um den großen Raum wohnlich erscheinen zu lassen.
    Farbe kann einen Raum einnehmend und mit Wow-Effekt prägen, ohne negativ überwältigend zu wirken.

    Bild: Design-Hotel Laurichhof, Pirna

    Farbe kann einen Raum einnehmend und mit Wow-Effekt prägen, ohne negativ überwältigend zu wirken.
    Der neue Salbei-Farbton Salvia erweitert seit 2025 die Palette der Key Colours bei Bette. Der zarte Grünton der Duschfliese wirkt dezent und sorgt für ein modernes Ambiente.

    Bild: Bette

    Der neue Salbei-Farbton Salvia erweitert seit 2025 die Palette der Key Colours bei Bette. Der zarte Grünton der Duschfliese wirkt dezent und sorgt für ein modernes Ambiente.
    Erwartbar für Minimalismus wären große Flächen plus ­stärkste ­Farbe in geringer Quantität. Hier die Umkehrung der Sehgewohnheit durch ­„Barber & Osgerby“ für Axor: filigrane weiße – also unbunte – Akzente vor stark gesättigter grüner Farbe auf Wand und Boden.

    Bild: Axor

    Erwartbar für Minimalismus wären große Flächen plus ­stärkste ­Farbe in geringer Quantität. Hier die Umkehrung der Sehgewohnheit durch ­„Barber & Osgerby“ für Axor: filigrane weiße – also unbunte – Akzente vor stark gesättigter grüner Farbe auf Wand und Boden.
    Typische Architektenlösung im Interieur: Außer Beton und den sogenannten unbunten Farben zwischen Schwarz und Weiß gibt es exakt eine Wand mit großer Strahlkraft. Passend für viele sanitäre Einrichtungen, z.B. für Kindergarten und Konzerthalle.

    Bild: Unsplash, Ricardo Gomes Angel

    Typische Architektenlösung im Interieur: Außer Beton und den sogenannten unbunten Farben zwischen Schwarz und Weiß gibt es exakt eine Wand mit großer Strahlkraft. Passend für viele sanitäre Einrichtungen, z.B. für Kindergarten und Konzerthalle.
    Askese muss nicht rechtwinklig sein oder gar auf Farbe verzichten. Die konsequente Klarheit der organisch ausgeformten Wanne legt den Fokus perfekt aufs Wesentliche. So gezeigt von Steinberg auf der ISH 2025.

    Bild: Kalthegener

    Askese muss nicht rechtwinklig sein oder gar auf Farbe verzichten. Die konsequente Klarheit der organisch ausgeformten Wanne legt den Fokus perfekt aufs Wesentliche. So gezeigt von Steinberg auf der ISH 2025.
    Statt durch Farbe fällt das Bad durch geometrisch gerasterte Gestaltung des Reliefs auf der geschwungenen Wand auf. Warmes Off-White, Teddyfell auf dem Polster und helles Holz machen die unaufdringliche Einrichtung gemütlich. ­Gesehen auf der ISH 2025 bei Villeroy & Boch.

    Bild: Kalthegener

    Statt durch Farbe fällt das Bad durch geometrisch gerasterte Gestaltung des Reliefs auf der geschwungenen Wand auf. Warmes Off-White, Teddyfell auf dem Polster und helles Holz machen die unaufdringliche Einrichtung gemütlich. ­Gesehen auf der ISH 2025 bei Villeroy & Boch.
    Autorin
    Dr. Hildegard Kalthegener
    ist Farbexpertin, Seminarleiterin und Dozentin. Sie ist in diversen Branchen aktiv: Architektur und Interieur, Produktdesign und Trend­research.
    www.farbstudio-­kalthegener.de

    Bild: Kalthegener

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