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Euronorm schlägt DIN

Die Qual der Wahl

SBZ: Herr Reinhard, die DIN 1988 ist in der Branche ein Begriff, wenn es um die Trinkwasser-Installation geht. Zwischenzeitlich spielen aber auch DIN-EN-Normen eine Rolle. Welche EN-Normen sind das?

Reinhard: Das ist zum einen die seit Mai 2001 veröffentlichte DIN EN 1717 für den Schutz des Trinkwassers und zum anderen die Reihe der DIN EN 806 mit 5 Teilen, wobei hiervon Teil 1 „Allgemeines“, Teil 2 „Planung“ und Teil 3 „Berechnung der Rohrinnendurchmesser – Vereinfachtes Verfahren“ bereits als DIN EN veröffentlicht sind. Teil 4 „Installation“ befindet sich europäisch in der Schlussabstimmung und Teil 5 „Betrieb und Instandhaltung“ weiterhin in Bearbeitung in der zuständigen europäischen Arbeitsgruppe.

SBZ: Ist das Regelwerk DIN 1988 von 12/88 heute noch uneingeschränkt anwendbar, oder muss der Installationsbetrieb schon heute ein Auge auf die Europanormen werfen?

Reinhard: Deutschland hat bereits 1995 für die Normenreihe EN 806-1 bis -5 die Paket­lösung beantragt, die besagt, dass die entgegenstehende nationale Normenreihe DIN 1988-1 bis -8 spätestens sechs Monate nachdem die letzte Norm der Reihe EN 806 von CEN ratifiziert wurde, zurückgezogen werden muss. Das bedeutet, dass DIN 1988 von 12/88 momentan weiterhin uneingeschränkt anzuwenden ist. Die DIN EN 1717 bildet dabei eine Ausnahme, hier steht im nationalen Vorwort, dass beide Nomen, d.h., DIN 1988 Teil 4 und DIN EN 1717 parallel gültig sind. Das bedeutet für Planer und Anwender, dass nach beiden Regelwerken geplant und ausgeführt werden darf, es sollte nur klar schriftlich definiert sein, welche der beiden Normen angewendet wird. In diesem Zusammenhang sollte bedacht werden, dass die DIN 1988, Teil 4, bereits seit mittlerweile 21 Jahren nahezu unverändert besteht, wohingegen die DIN EN 1717 relativ neu ist und somit durchaus als Stand der Technik und auch als zukunftsweisend bezeichnet werden darf. Ist nichts vereinbart, sollte es selbstverständlich sein, dass nach dem Stand der Technik, der DIN EN 1717 ausgeführt wird.

SBZ: Wird die DIN 1988 eines Tages verschwunden und durch EN-Normen ersetzt sein?

Reinhard: Europäische Normen sind grundsätzlich Kompromisslösungen. Speziell in der Normenreihe EN 806 sind bewusst Öffnungsklauseln eingebaut worden, um länderspezifische Eigenheiten nachzuregeln. In Deutschland wird es eine Restnormung DIN 1988 geben, die als Ergänzung zu den einzelnen Teilen der EN 806 dient. Somit wird der Begriff DIN 1988 fortgeführt. Man ist zur Zeit dabei, diese Restnormung DIN 1988 zu erarbeiten. Gewisse Teile sind bereits als Gelbdruck erschienen, zu betonen ist dabei, dass diese immer im Konsens mit DIN EN 806 zu lesen sind, wobei nicht zu allen Teilen der EN 806 ein nationaler Teil erforderlich ist. Auch zu DIN EN 1717 wird es eine Restnormung DIN 1988 geben; hierbei wird das momentane nationale Vorwort zur DIN EN 1717 überarbeitet.

SBZ: Man hört von technischen Rückschritten durch die EN-Normung. Ist das Niveau bald tatsächlich nicht mehr so gut wie bisher reglementiert?

Reinhard: Das Niveau in Deutschland bleibt erhalten. Wie schon ausgeführt, ist die EN-Normung grundsätzlich eine Kompromisslösung. Sie müssen sich vorstellen, dass europäische Normungsprojekte die Interessen von mittlerweile 30 Ländern beinhaltet mit einer Ausdehnung von Portugal bis Lettland und von Norwegen bis Zypern. Es müssen die national unterschiedlichen Ins­tallationstechniken berücksichtigt werden. Wenn keine Einigung möglich war, hat man bewusst Öffnungsklauseln geschaffen, damit die einzelnen Nationen ihre Eigenheiten vorerst beibehalten können. Ich sage bewusst vorerst, da Europa erst noch zusammenwachsen muss. Vielleicht sieht eine Überarbeitung der EN-Normen in 10–15 Jahren ganz anders aus. Was in den europäischen Normen fehlt, wird in nationalen Ergänzungsnormen, bei uns in der DIN 1988 nachgeregelt.

SBZ: Bis wann schätzen Sie, ist der Bereich der Trinkwasserinstallation normativ vollständig „europäisiert“?

Reinhard: Mit Veröffentlichung des letzten Teils der EN 806, das ist der Teil 5, der sich momentan in der Phase befindet, dass die Einsprüche aus der technischen Umfrage behandelt werden, muss die DIN 1988 Teil 1 bis -8, Ausgabedatum 12/88, spätestens sechs Monate später zurückgezogen werden. Mit der Veröffentlichung von DIN EN 806-5 ist voraussichtlich Ende 2010/Anfang 2011 zu rechnen.