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Komfortgewinn durch Technik

Im Bad wird’s digital

Die Markenhersteller trumpften in diesem Jahr mit Innovationen auf, die beim Konsumenten Bedürfnisse wecken nach dem Sexappeal von elektronischen Armaturen, die eine berührungslose Bedienung oder per Knopfdruck regelbare Komfortsteuerung von Duschen und anderen Ausstattungsfeatures ermöglichen. Dies belegt auch die Illustration dieses Beitrages. Selten hat es in der Sanitärbranche einen solchen Innovationsschub gegeben, mit dem die elektronischen Produkte nun auch in den Privatbereich vorstoßen. Neu im Bad eingeführte Technologien sollen unseren Alltag verbessern und stehen für eine neue Generation von Produkten, die die Bedürfnisse ihrer Benutzer in den Vordergrund stellen. Die technischen Entwicklungen sprechen nicht nur das Bedürfnis nach Komfort und den Spieltrieb der Badnutzer an, sondern können auch sehr rationale Argumente ins Feld führen: Dank neuer Technologien werden die Armaturen kleiner, wird der Wasserverbrauch reduziert, wird das Leben im Badezimmer nicht nur emotionaler, sondern auch leichter.

Aus dem asiatischen Raum wiederum dringt allmählich eine ganz andere Produktkategorie in den europäischen Haushalt vor: das Dusch-WC mit sehr unterschiedlicher elektronischer Ausstattung, die bis zum MP3-Player reicht und künftig sogar eine Online-Kommunikation mit dem Hausarzt einschließen könnte. Diese Spielereien stoßen im westlichen Haushalt sicherlich auf weniger Begeisterung als der hygienische und angenehme Komfort, der mit solchen Gerätschaften verbunden ist. Unsere folgende kleine Geschichte zeigt einige Entwicklungen auf.

Bei Familie Färber geht es morgens heiß her: Die beiden Söhne Tim und Finn und Nesthäkchen Bettina müssen in die Schule. Das Nadelöhr ist das Badezimmer, denn nicht nur die Kinder müssen morgens mal eben unter die Dusche: Vater Färber ist es, der das Bad regelmäßig blockiert. Er liebt es, nach seiner frühmorgendlichen Joggingrunde ausgiebig zu duschen, und leitet damit den Dusch-Marathon der Färbers ein. Immerhin: Seit der Installateur den alten Heizkessel durch einen Brennwert-Heizkessel mit Solarthermie ausgewechselt und das neue Bad fertiggestellt hat, wurde das Leben für alle leichter.

Individueller Komfort wie aus der Science-Fiction-Kiste

Immer mehr Menschen kommen auf den Geschmack und begeistern sich zunehmend für den technischen Komfort im Bad, der auf den Wohlfühl- und Lustfaktor abzielt. Dass Technik auch sexy ist, davon musste man Herrn Färber nicht mehr überzeugen. Beim Rest der Familie sah das anders aus. Der Herr des Hauses bekam bei der Realisation seines Traumbades unerwartete Unterstützung vom Installateur, der Frau Färber überzeugen konnte, neue Armaturen einzubauen, die außer einem Verbrühschutz noch weitere Vorteile boten.

Die innovative Serie in modernem, minimalistischem Design kann mit zahlreichen Features auftrumpfen: So lässt sich etwa per Knopfdruck die Temperatur exakt auswählen, und das nicht nur in der Dusche, sondern auch am Doppelwaschtisch. Da jedes Fami­lienmitglied beim Duschen eine ganz individuelle Temperatur-Vorliebe entwickelt hat, kommt die Armaturenoption, für jedes Familienmitglied eine individuelle Temperatur festzulegen, bei allen gut an. Mit einem Knopfdruck läuft ein ganzes Wunschprogramm ab. Nicht nur die Temperatur, auch die riesige Kopfbrause und die zahlreichen Seitendüsen in der Dusche können nach individuellen Vorlieben von der Steuerung angesprochen werden und auf Wunsch sogar im Programmablauf verändert werden. So wählte zum Beispiel Herr Färber für sein morgendliches Duschprogramm nach dem Jogging erst einmal ein fitnessorientiertes Duschen mit einer Temperatur zum Abkühlen. Der Regenhimmel aktiviert in dieser Phase alle Düsen und entwickelt sich in den ersten zwei Minuten zum regelrechten Monsunregen. Das Programm spult den nächsten Programmpunkt automatisch ab. Die Seitendüsen treten in Aktion, und Vater Färber kann die Haare ungestört einseifen. Ein satter, intensiver einzelner Laminarstrahl aus dem Regenhimmel hilft ihm anschließend, das Shampoo aus den Haaren zu waschen. Dies ist eine Funk­tion, die auch Frau Färber mit ihren langen Haaren zu schätzen weiß.

Der krönende Abschluss des Wunsch-Duschprogramms ist die sanfte Dream-Funktion: Nicht nur das inszenierte Farbenspiel regt zum Träumen an, auch der sanfte, aus Seitendüsen und Kopfbrause hervorquellende Wassernebel lassen die Hektik und die Herausforderungen des bevorstehenden Arbeitstages fast vergessen. Eine abschließende Reinigungsfunktion schließlich reißt den Fitnessfan aus seinen Träumen – ganze sieben Minuten dauerte das Programm. Die drucksensitiven Tasten sind auch im nassen Zustand problemlos zu bedienen und auch ­ohne Brille gut zu sehen. Das digitale OLED-Display ist besonders groß ausgefallen. Als fürsorglicher Vater stellt er schon mal das Programm von Tochter Bettina ein, die schon ungeduldig an die Badezimmertür klopft. Beim Verlassen der bodengleichen Dusche ruft die eingebaute Waage ihm noch sein aktuelles Gewicht hinterher: 95,4 kg. Sie wird das Gewicht speichern und am Ende des Monats die gesammelten Durchschnittswerte für jedes Familienmitglied ausspucken.

Hygiene durch Technik

Ein absolutes Highlight ist die neue Toilette. Die Färbers machen sich ein Vergnügen daraus, ihre Gäste ins Bad zu führen und die Neuerwerbung als Beweis ihrer progressiven Lebenseinstellung zu präsentieren. „Du musst es ausprobieren, dann kannst du ja immer noch lästern“, nimmt Herr Färber seinen Freunden aus dem Tennis-Verein den Wind aus den Segeln. Die Familie hat sich schon an den neuen Komfort gewöhnt und kann gar nicht mehr verstehen, warum sie nicht schon viel früher eine Toilette mit eingebauter Dusche und Warmluft-Gebläse hatten. Auf die Erklärung der sonstigen Funktionen, wie der integrierte MP3-Player verzichtete Papa Färber dann jedoch lieber.

Bergsee im Bad

Auf den wassergeschützten OLED-Monitor im Bad hatte ausgerechnet die Mama bestanden. Am späten Nachmittag hat sie das Badezimmer ganz für sich allein und lässt sich von Entspannungsübungen medial berieseln. An diesem Nachmittag fällt die Wahl auf das Motivprogramm „Bergsee“. Neben der gekonnten Inszenierung von einigen, zum Teil verborgenen Wasserquellen wird das Badezimmer mithilfe von rund 56 Lichtquellen in eine stimmungsvolle Alpenlandschaft getaucht. Frau Färber hätte nie gedacht, dass man mit Technik so viel Natur ins Bad zaubern kann.

Niederstromtechnik braucht keine Schutzzone

Wenn Wasser und Strom im Badezimmer räumlich überlappen, haben oft DIN-Normen etwas dagegen. Zu gefährlich sind auch offen zugängliche Stromanschlüsse in der Schutzzone I, also in unmittelbarer Nähe zu offenen Wasserquellen. In der Decke eingebaute Lautsprecher und die mit einem Unterwasserscheinwerfer ausgestattete Whirlwanne waren lange Zeit der einzig mögliche Luxus im digitalisierten Badezimmer. Mit der Niederstromtechnik (12V) kam dann aber etwas Bewegung in die unharmonische Beziehung zwischen Wasser und Strom. Doch nun scheint sich vieles zu ändern. Wassertemperatur per Knopfdruck bei elektronisch gesteuerten Armaturen und speicherbare Wunschprogramme in der Dusche sind keine Zukunftsmusik mehr. Die Technik zieht ins Badezimmer ein, um den Benutzern das Leben zu erleichtern. Die emotionale Inszenierung von Wasser und Licht spielt dabei eine ganz wichtige Rolle. Doch einfach muss es sein, meinen immer mehr Kunden – denn das richtige Leben ist schon anstrengend genug.

Neue Möglichkeiten

Dynamische Entwicklung

Zum anhaltenden Elektronik- und Techniktrend im Bad hat das Darmstädter Designbüro Artefakt bereits verschiedene Produkte kreiert. Wir stellten den Designern Achim Pohl und Tomas Fiegl vier Fragen.

SBZ: Nun lässt sich auch die Badewanne automatisch befüllen. Ist das nur ein Gimmick oder welchen Vorteil hat der Nutzer?

Pohl: Es ist weitaus mehr, es bietet Komfort und Sicherheit. Es geht aber nicht nur um die Badewanne. Generell bietet die Programmierbarkeit und Automatisierung individueller Vorlieben erheblichen Komfort, aber auch wasser- und energiesparende Vorteile für den Nutzer. Mit der steigenden Akzeptanz und Bediensicherheit der elektronischen Armaturen wird vor allem die systematische Vernetzung der Produkt-Komponenten von Einlauf, Ablauf und Überlauf völlig neue Möglichkeiten schaffen, an die zurzeit noch niemand denkt.

SBZ: Musste der Designer früher mechanische Bedienelemente entwickeln, stehen heute ganz neue Bedienoberflächen im Fokus. In wie weit wird es das Badezimmer verändern?

Fiegl: Das Verschwinden von mechanischen Bedienelementen lässt die grafische Oberfläche zu einem entscheidenden Teil des Produktes werden. Gemäß dem Einsatzzweck werden sich in naher Zukunft Bedienoberflächen beliebig pro grammieren lassen. Größe und Funktionalität der Nutzerführung hängen von dem jeweiligen Einsatzzweck ab.

SBZ: Welche neuen Möglichkeiten eröffnen sich Badprofis mit der Digitalisierung der Gestaltung?

Pohl: Wir sehen hier ein erhebliches Potenzial. Da die Bedienelemente ortsunabhängig von wasserführenden technischen Bausteinen und in Kombination mit verschiedensten Oberflächenmaterialien positioniert werden können, werden völlig neue Produktkombinationen möglich sein. Integrative Produktkonzepte werden zum neuen Thema. Bedienung „on demand“ führt zu noch klareren Benutzerführungen und mehr Freiheit in der Gestaltung.

SBZ: Alles scheint möglich: Was sehen Sie als nächste Evolutionsstufe im Badezimmer?

Fiegl: Generell halte ich das alles schon für außergewöhnlich ambitioniert. Letztlich wird eine Verschmelzung der Produktkategorien stattfinden. Das Bad wird sich immer mehr als gestalterische Einheit verstehen, bei der wasserführende Technik und Bedienung in keiner festen Abhängigkeit stehen.

Autor

Frank A. Reinhardt hat sich als Berater auf Design und Marketing spezialisiert. Far-Consulting, 51105 Köln, Telefon (02 21) 620 18 02, Telefax (02 21) 9 62 45 39, reinhardt@far-consulting.de https://far-consulting.de/

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